Samstag, 8. Juli 2017

Tag 10 - Auf den Hund gekommen (Pontevedra - Armenteira)

Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.
(Loriot)
Pablo, mein freundlicher Helfer im Wald, sagte am Vortag, dass Pontevedra für ihn die schönste Stadt auf dem Weg sei. Vielleicht hat er damit die Erwartungen etwas hoch gesteckt. Die Stadt ist jetzt auch nicht hässlich und hat viele hübsche Ecken, aber ich durfte in den letzten Tagen einige wunderschöne Orte besuchen - und Pontevedra sticht nicht wirklich hervor. Zumindest kann man aber erkennen, welche Rolle sie auf dem Jakobsweg spielt.
"Pontevedra" leitet sich von dem lateinischen Namen "Pontus Veteris" ab, was so viel heißt wie "die Brücke der Ahnen". Die Brücke, auf die das Bezug nimmt, ist die Ponte del Burgo, die mit Jakobsmuscheln verziert ist und daher keinen Zweifel daran lässt, dass sie schon sehr lange von Pilgern passiert wurde.
Es ist eine schöne Brücke - aber nicht die schönste, über die ich lief.
Ich erreiche bald die Abzweigung, an der ich mich endgültig entscheiden muss. Der Hauptweg des Camino geht nach rechts, Richtung Caldas de Reis, Padrón und dann Santiago. Nach links kommt man auf die Variante Espiritual, die "spirituelle Variante", die einen Tag länger und für mich interessanter ist, da sie an die Rias führt und über eine Strecke, die die "Route von Stein und Wasser" heißt. Außerdem laufe ich ja den Weg aus spirituellen Gründen, ich fände die Alternative also passender.
Wegen meines Fußgelenks hatte ich diese Entscheidung aber wieder in Zweifel gezogen. Soll ich oder soll ich nicht? Der Weg beantwortet die Frage für mich. Es sind sehr viel Pilger unterwegs, die meisten biegen rechts Richtung Caldas de Reis ab - auch die Pfadfindertruppe, die ich zwei Tage zuvor sah, die zwar alle einen echt netten Eindruck machen, aber, was für Jugendliche ja jetzt nicht untypisch ist, sehr viel Lärm machen. Also laufe ich nach links, allzu viel Trubel will ich nicht haben.
Einen gelben Pfeil verpasse ich fast, da er unter dem Gestrüpp etwas versteckt ist und vor allem auf einen steil nach oben verlaufenden Trampelpfad deutet. "Das ist doch nicht deren Ernst!" denke ich mir, während ich hochkraxel, aber die dort angebrachten Pfeile bestätigen es: doch doch, das ist der Weg, der weiter durch einen Farnwald und dann an dem Feld eines Bauern entlang führt.
Das war noch das harmloseste Gestrüpp
Nach dieser ersten anstrengenden Etappe setze ich mich in der Nähe eines Wohngebiets auf einen Stein, verarzte meinen Knöchel und creme mich ein. Ein Mann läuft hier gerade mit seinem Hund Gassi. Der Hund, ein zotteliger Mischling, sieht mich und findet die Nummer mit dem Stein offensichtlich toll, jedenfalls läuft er schnurstracks auf mich zu, springt neben mich und reibt einladend seine Seite an meiner. Ich folge der Einladung und streichel ihn. Der Besitzer ruft ihn zurück. "Nico! Niiiicoooo!" Aber Nico findet es ganz bequem bei mir. Der Mann entschuldigt sich bei mir auf Castellano. "Aus, Nico! Nein! Komm schon!" Nico nimmt das als Anlass um sich neben mich demonstrativ hinzusetzen und mich ihn weiter streicheln zu lassen. "Tut mir wirklich leid, mein Herr, aber wenn es nach ihm ginge, würde er mit der ganzen Welt schmusen! Nico, jetzt komm schon!" Erst als der Mann, der selbst einen schönen, langen Stock dabei hat, Nico am Halsband etwas wegzieht, kann er endlich weiter. Noch einmal "Entschuldigung!" und "einen guten Weg!"
Ich fand dieses kurze Treffen mit Nico aber ganz gut. Denn Hunde sind ein Symbol für die eigene tierische Seite, die verspielt und im Jetzt sind. Die Tarotkarte "Der Narr" zeigt daher auch häufig einen Hund - frei von den Sorgen über die Zukunft oder die Vergangenheit im Hier und Jetzt sein. Und eine spirituelle Reise bezeichnet man auch häufiger als "Die Reise des Narren", denn damit man empfänglich für spirituelle Botschaften ist, muss man genauso sein - wie ein Narr. Beziehungsweise ein Hund.
Nach einer Weile durch Wald- und Feldwege erreiche ich mein erstes Teilziel: das Kloster von Poio. Leider kommt hier auch eine größere Reisegruppe an und der Rezeptionist, von dem ich einen Stempel für meinen Pilgerpass haben möchte, ist entsprechend gestresst. "Und Sie? Gehören Sie auch zu der Gruppe?" - "Nein, ich will nur einen Stempel." - "Einen was?" und guckt mich mit Stirnrunzeln an, bis er die Jakobsmuschel um meinen Hals sieht. "Ach so!" Er holt aus einer Schublade einen Stempel und einen Stempelkissen raus, zeigt mir etwas kurz angebunden, wie herum der Stempel richtig zu halten ist und kümmert sich weiter um die Touristen. Ich stempel meinen Ausweis ab, bedanke mich und verlasse das Kloster.
Wobei ich mir das Kloster auch gerne angesehen hätte
Etwa eine Stunde später bin ich an der ersten Ria (ría auf Galego) auf meinem Weg. Eine Ria ist eine fjordähnliche Flussmündung, von denen es hier ein paar gibt, die als "Rías Baixas" (die niederen Rias) zusammengefasst werden. Es riecht nach Meer, Möwen kreischen und ich und ein paar andere Pilger, die ich hier treffe, haben einen wunderschönen Blick auf Combarro, einem kleinen Fischerdorf.
Das rechts ist Combarro
In Combarro angekommen wird man erst durch die hübsche Altstadt geführt, wo man vermehrt zwei Dinge sehr prominent sieht. Zum einen sieht man alte hórreos, das sind Maisspeicher, die man überall in Galizien findet, die Speicher hier sind aber offensichtlich sehr alt und fügen sich schön in die alten Gemäuer ein.
Hier gleich zwei nebeneinander
Zum anderen findet man hohe Steinkreuze, die auf der einen Seite Maria zeigt und auf der anderen ein Kruzifix. Eine Informationstafel erklärt die ernüchternde Bedeutung. Die Steinkreuze wurden an Plätzen errichtet, an denen in der alten, vorchristlichen, keltischen Religion die Hexen (die meigas und die brujas) getanzt und ihre Riten durchgeführt haben. Man hat das dort gemacht um die Gegend zu christianisieren und sich gegen die alten Riten zu setzen.
Es ist ein Zeichen dafür, dass zumindest Teile der Jakobswege älter sind als das Christentum. Und der Weg des Apostels auch der Weg einer Missionierung war, die Ausrottung eines Glaubens Andersdenkender.
Es gibt sehr viele Steinkreuze, gerade auch schon hier in dem Dorf. Die Informationstafel spricht von elf allein in der Altstadt, aber ich sehe in Galizien immer mal wieder ein solches Kreuz. Wenn diese alle an Kultstätten errichtet wurden, dann zeigt es das Ausmaß der Kampagne.
Eines der Steinkreuze - beide Seiten zu fotografieren ist schwer
Die Kellnerin in einem Café, wo ich meine obligatorischen drei Eistee trinke, ist sehr niedlich besorgt um mich und redet auf Spanisch auf mich ein. "Aber mein Herr, das geht gleich noch steil bergan!" - "Ist das so?" - "Ja! Das wird sehr anstrengend! Sind Sie auch wirklich erholt?" - "Ja, das wird gehen müssen." - "Aber morgen... morgen soll es 40°C werden!" - "Wirklich?" - "Ja! Heiße Winde aus Afrika ziehen rüber! Ist das nicht viel zu warm, Sie tragen ja ein Oberhemd?" - "Ja, um mich vor der Sonne zu schützen." - "Ach ja, Sie Deutschen haben ja immer so empfindliche Haut... Aber ja, überlegen Sie sich das doch noch!" - "Da muss ich durch. Kann ich bitte zahlen?" - "Jetzt schon?!? Aber es ist gerade Mittagshitze!" - "Ich habe keine Wahl, ich muss ja ankommen..." Etwas resigniert nimmt sie mein Geld entgegen und ich verlasse das Café wieder.
Das mit dem steilen Anstieg hat mich natürlich nicht kalt gelassen - das Fußgelenk schmerzt immer noch und ich habe auch heute wieder Paracetamol deswegen eingeworfen, in der Hoffnung, dass das gehen wird. Aber zunächst gibt es eine knöcheltötende Strecke steil den Berg hoch. Trotz Stock, Schmerzmittel und Voltaren ist es beschwerlich und nur die Sturheit lässt mich nicht aufgeben. Dafür werde ich auf der Anhöhe mit einem wundervollen Ausblick belohnt. Ein Schild weist darauf hin, dass nur 500m weiter ein noch beeindruckenderer Ausblickpunkt ist, aber mit meinem Fußknöchel will ich das nicht riskieren. Ich treffe zwei Portugiesen wieder, die erst heute in Pontevedra los liefen und die gerade von diesem anderen Punkt zurückkommen. Sie bestätigten, dass die Aussicht wirklich beeindruckend ist - würden mir aber auch empfehlen, mit meinem Knöchel dort nicht hin zu humpeln.
Da musste ich mich halt damit zufrieden geben...
Die Portugiesen haben Wanderstöcke dabei und verkünden, dass sie glauben, mit solchen wäre mein Knöchel noch in Ordnung. Natürlich mögen sie da Recht haben, ich finde es aber etwas vermessen, das jemandem zu sagen, der bereits den zehnten Tag läuft, wo es ihr erster ist. Das sage ich aber nicht laut. Stattdessen wechsel ich das Thema und wir unterhalten uns über Fernsehserien. Plötzlich taucht, wie aus dem Nichts, ein Hund neben uns auf. Ein schwarzes Tier mit glattem Fell. Er macht einen gepflegten Eindruck und trägt ein Halsband. Auch sein Benehmen ist eher das eines Schoß- als eines Wachhunds. Er holt sich bei einigen von uns Streicheleinheiten ab und rennt dann vor um einen anderen Pilger, der gerade unter einem Baum im Schatten Rast gemacht hat, anzukuscheln. Es handelt sich um einen Italiener, Luciano aus Venedig, ein 70jähriger Venezianer, den ich schon in Redondela kennengelernt hatte. Wir laufen alle gemeinsam weiter. Der Hund scheint sich in unserem "Rudel" sehr wohl zu fühlen. Mal läuft er vor, späht und kläfft eine Eidechse oder ein Eichhörnchen weg, mal läuft er hinterher und setzt Duftmarken. Gegen die Hitze suhlt er sich einmal in einer Pfütze, ist aber rücksichtvoll genug, sich nicht direkt neben uns auszuschütteln.
Schließlich wollte er auch immer wieder von uns Streicheleinheiten bekommen
Ich falle immer weiter zurück, da ich wegen meines Knöchels nicht so schnell laufen kann und schließlich sehe ich die anderen und den Hund nicht mehr. Ich kämpfe mich alleine über den Pass und durch die Trampelpfade, die nach Armenteira führen. Dort angekommen finde ich Luciano an einem Café wieder. Ihm ist nicht ganz klar, wo es zur Herberge geht. Man kann an dem Kloster von Armenteira übernachten, aber nur auf Voranmeldung und für 35€. Wir wollen aber zur offiziellen Herberge und wo die ist, da haben wir widersprüchliche Informationen. Eine Wirtin sagt, man müsse nur rechts und dann links, der Wirt sagt, einfach den Markierungen folgen. Wir glauben dem Wirt und tatsächlich kommt nach einer Weile der Pfeil Richtung Herberge. Es stellt sich heraus, dass natürlich beide Recht hatten - der Weg, den die Wirtin vorschlug, wäre aber angenehmer für Luciano gewesen, der wegen seines Alters ein Problem mit Anstiegen hat. Wir erreichen gemeinsam die Herberge und kurz bevor ich die Tür aufmachen kann, spüre ich etwas feuchtes an meiner Hand. Es ist der Hund, der mich mit einem fröhlichen Schwanzwedeln und einem Stups begrüßt. Auch er hat es hier hin geschafft - ein echter Pilgerhund.
Leider sind in den Pilgerherbergen Hunde und andere Tiere verboten. Als ich also die Tür aufmache und der Pilgerhund mir wie selbstverständlich folgt, wird er von der Hospitaleira mit einem sehr scharfen "No!" des Hauses verwiesen. Als die Tür noch einmal aufgeht, versucht er es noch einmal, diesmal zieht sie ihn etwas unsanft am Halsband nach draußen.
Ich kläre mit der Hospitaleira die Formalien. Pilgerausweis, Personalausweis, "Welchen Beruf haben Sie? Wie alt sind Sie? Für die Statistik." Nach zehn Tagen kannte man die Fragen alle. Ich nehme die Papierbezüge zum Einmalgebrauch und beziehe mein Bett in der urigen kleinen Herberge. Als ich fertig bin, gehe ich nach draußen, um einmal beim Hund nach dem Rechten zu sehen.
Hinter der Tür eröffnet sich mir ein Bild des Jammers. Der Hund liegt verängstigt und eingekauert auf der Veranda. Offensichtlich findet er die Gesamtsituation mehr als beschissen und ganz besonders die Nummer mit dem Hausverbot für Hunde. Er weiß offensichtlich nicht, wie er nach Hause kommen soll. Ich nähere mich ihm um, wie mit der Hospitaleira abgesprochen, mal zu sehen, ob am Halsband irgendein Hinweis auf den Besitzer ist. Die Aufgabe wird sehr einfach, denn der Hund stürzt sich mir in den Schoß, weil er unbedingt zum Trost gekuschelt werden möchte. Am Halsband findet sich aber nur ein Anhänger, auf dem "SPOILT" steht, also das englische Wort für "verwöhnt" - das hilft nicht wirklich weiter. Ich kraule den Hund und spreche mit der Hospitaleira.
Ob sie ihn mal zum Tierarzt fahren kann, damit der den Chip ausliest? Ich erinnerte mich, dass auf der anderen Seite des Hügels eine Hundepension war. Vielleicht ist er von dort geflüchtet?
Die Hospitaleira bietet an sich drum zu kümmern, auch wenn ihr das gerade etwas viel Aufregung ist, denn ein portugiesisches Mädchen vermisst ihre Brieftasche und bezichtigt Ellie und Josie, die zwei deutschen Pilgerinnen, die ich schon in Redondela getroffen hatte, die eingesteckt zu haben. Es half auch nicht, dass der Pilgerhund sich entschieden hat, sie nicht zu mögen, obwohl sie als Friedensangebot eine Schüssel Wasser für ihn rausgestellt hatte. Am Halsband muss sie das Tier in ihr Auto ziehen.
Ich gehe zunächst in das Dorf um etwas zu essen. Als ich wiederkomme ist die Hospitaleira wieder da. "Wie geht's?" - "Gut - wie geht es mit dem Hund?" - "Als ich zum Tierarzt gefahren war und die Klappe vom Auto öffnete, sprang der Hund raus und rannte und rannte und rannte und weg war er."
Das war nicht ganz die Auflösung, die ich mir erhofft hatte. Die Hospitaleira sagt, vielleicht war er einfach desorientiert und hatte da dann wieder seinen Weg gefunden. Ich dachte, dass er einfach sie nicht mochte und deswegen Reißaus nahm - aber immer noch nicht wusste, wo er ist oder wie er nach Hause kommen soll. Die anderen Deutschen behaupten, dass sie vermutlich kurzen Prozess mit dem Hund gemacht hat. "Das macht man hier so." - ich will gar nicht anfangen, wie unglaublich über den Kamm geschert ich diese Aussage finde und damit wie überheblich. Ich traue der Dame jedenfalls keinen Tiermord zu, besonders gegenüber einem offensichtlich gutmütigen Tier. Im Bett liege ich noch etwas wach und mache mir Sorgen. Der Hund ist deutlich nicht gewohnt, in der freien Natur zu übernachten und für sich selbst alles zu erstreiten. Er wird sich einsam und verloren fühlen. Ich hoffe, dass er sein Herrchen oder Frauchen wiederfindet und male mir aus, wie er andere Pilger findet und sie über den Pass führt, immer vor gemeingefährlichen Eichhörnchen Wache haltend. Und insgeheim frage ich mich, ob er vielleicht morgen früh vor der Herberge auf uns wartet um die nächste Etappe zu laufen. Jedenfalls begann so der Tag mit einem Hund - und er endete mit einem Hund.
Wenigstens die Sache mit der Brieftasche hat sich geklärt gehabt - die Portugiesin hatte sie einfach verlegt und dann wiedergefunden.

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Dienstag, 4. Juli 2017

Tag 9 - Der Weg versorgt! (Redondela - Pontevedra)

My body is a cage that keeps me from dancing with the one I love. My mind holds the key.
Mein Körper ist ein Käfig, der mich davon abhält, mit dem zu tanzen, den ich liebe. Meine Psyche hält den Schlüssel.
("My body is a cage", Arcade Fire Peter Gabriel)
Ich stehe noch bei Mondschein mit einigen anderen auf und mache mich fertig. Die kleine Schere in meinem Verbandszeug hat keine Chance gegen den Stützverband, den ich abnehmen soll. Glücklicherweise habe ich mein Messer mit.
Am Vortag hatte ich mir eine Flasche Sonnenmilch gekauft mit Schutzfaktor 50. Die Flasche war damit nicht nur kleiner, sondern auch wirksamer als die Sprühsonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 30, die ich dabei hatte - also lasse ich die in der Herberge stehen. Irgendein Südländer, der keinen so starken Schutz braucht, wird sich darüber freuen. "Der Weg versorgt", wie man unter Pilgern sagt. Wenn du etwas brauchst, dann wirst du es finden. Man kann natürlich dabei an eine übernatürliche Kraft glauben, oder einfach daran, dass es bei einer großen Zahl von Pilgern sehr wahrscheinlich ist, dass jemand etwas zurücklässt, was jemand anders braucht. So oder so ist es etwas, was eine sehr spirituelle und eine sehr intensive Erfahrung ist, immer etwas zu finden - und immer einen Weg. Und dadurch, dass ich meine schwache Sonnenmilch nicht brauche, nehme ich daran teil.
Was ich mitnehme, obwohl ich mich maßlos darüber ärgere, ist eine große Flasche mit After-Sun-Lotion. Die Apothekerin bestand darauf: "Sie brauchen das, glauben Sie mir das!" Und ich wollte sagen: "Nein! Es ist nützlich... aber nicht notwendig!" Und ich habe es nicht getan und jetzt habe ich 125g mehr im Gepäck von etwas, was ich vermutlich nicht brauchen werde. Aber wegwerfen will ich es jetzt auch nicht. Egal. Jeder gönnt sich seinen Luxus, grummele ich.
Ich verlasse die Herberge. Die Hospitaleira hatte am Vortag erklärt, dass es hinter der Ausgangstür direkt rechts weiter auf den Camino geht. Die beiden Italiener vor mir laufen aber weiter zu der nächsten Hauptstraße und lassen sich durch Rufe nicht zurückholen. Nun gut. Da wo ich stehe höre ich jetzt aber plötzlich jemand die Straße herunterlaufen in meine Richtung. Ehe ich mich noch fragen kann, wer so früh morgens schon am Joggen ist, sehe ich die Person - ein Mann in Shorts und blauem Hemd der auf Spanisch sagt, dass ich hier direkt rechts muss, da sei der Weg! Ich bedanke mich und gehe den Weg auch los. Tatsächlich ist das das einzige, was der Läufer machen wollte - er wollte uns davon abhalten, in die falsche Richtung zu laufen.
Redondela im Morgengrauen
Die Italiener treffe ich nach einer Weile wieder, als sie wieder auf den Weg treffen und dabei das Vaterunser gemeinsam beten. Also definitiv Pilger aus religiösen Gründen.
Ging es am Vortag noch aus den Bergen runter nach Redondela, geht es jetzt den Talkessel wieder hoch, dann wieder runter an der Landstraße entlang nach Arcade. Mein Knöchel ist gar nicht begeistert und kaum, dass ich Arcade erreiche, spüre ich einen beißenden und stechenden Schmerz, der mir heißt SOFORT anzuhalten. Glücklicherweise geschieht das genau auf Höhe eines Cafés. Ich trinke mir meinen Eistee und rede dem Gelenk gut zu, massiere es und creme es mit Voltaren ein. "Darf ich ihr Klo benutzen?" - "Natürlich... die Treppe runter im Keller." Na toll, denke ich, das fehlte gerade noch. Stufe für Stufe humpel ich herunter und es ist eine Tortur.
Geplant war, dass ich Pontevedra heute erreiche. Das sind nur 17km, ein Klacks - als mein Fußgelenk noch nicht überanstrengt war. Jetzt erscheint mir diese Strecke beinahe unüberwindlich. Nach Pontevedra hat man die Wahl zwischen dem Hauptweg und einer neuen Variante, der Variante Espiritual, die einen Tag länger, dafür landschaftlich abwechslungsreicher und interessanter ist und außerdem eine Bootsfahrt beinhaltet entlang der legendären Strecke, die die Überbleibsel des Apostels wohl transportiert wurden. Diese wollte ich eigentlich nehmen - aber jetzt ist es im Zweifel, ob ich eine längere Variante wirklich nehmen sollte.
Die anderen Pilger im Café machen mir nicht gerade Mut, denn die eine Spanierin sagt, ihre beiden Füße sind jetzt hinüber und für sie ist der Camino hier vorbei. Hoffentlich ist das nicht auch mein Schicksal. Ich ruhe mich etwas aus und sortiere meine Gedanken.
Der Grund für meine Körperdismorphie ist eigentlich unerheblich. Die Frage ist, welchen Nutzen sie mir bringt. Und die Antwort ist: gar keinen. Im Gegenteil.
Ich habe vor Jahren mit Parkour angefangen gehabt. Ich habe unglaublich großartige Freundschaften daraus ziehen können. Und viele dieser Menschen haben wirklich interessante Lebenswege und Ansichten und eine sehr lockere, herzige und abenteuerlustige Lebensart. Sogar der portugiesische Jakobsweg wurde mir von einem Traceur empfohlen. Aber irgendwie habe ich nie wirklich trainiert, ich fuhr ständig mit angezogener Handbremse. Und warum? Weil ich mich in der Gesellschaft von all diesen schlanken, trainierten jungen Menschen fühlte, als würde ich das nicht verdienen. Als würde ich nicht dazu gehören. Niemand von außen hat das jemals gesagt. Niemand hat mir bei den Treffen jemals das Gefühl gegeben, nicht willkommen zu sein. Ganz im Gegenteil. Überall wurde ich mit offenen Armen empfangen, sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Parkour ist es sehr ähnlich wie beim Pilgern: jeder hat seinen Weg. Jeder hat sein Tempo. Jeder hat seine Hindernisse, seine Fragen, seine Antworten. Und jeder respektiert den Weg des anderen. Es gibt keinen Wettbewerb. Es gibt nur den gegenseitigen Respekt.
Niemand hat mich aus Parkour herausgegrault. Ich habe mich selbst aus Parkour herausgegrault, weil ich mich meines Körpers geschämt habe. Nicht alleine trainieren wollte, weil ich mir dann doof vorkam, als fetter Mann auf einem Spielplatz herumzuspringen. Und in der Gruppe wollte ich nicht mehr trainieren, nachdem eine als Witz gemeinte Bemerkung von einem meiner besten Freunde dazu führte, dass ich mich dabei geschämt habe. Er hat das nicht so gemeint und ich weiß das, aber es war ein Auslöser.
Die Dismorphie ist also zu schwer für mich zu tragen. Und meine Freunde haben vergeblich versucht, mir beim Tragen zu helfen. Es wäre doch schön, denke ich, wenn ich es so machen könnte wie mit der Flasche Sonnenmilch oder anderen Dingen im Rucksack, die auf der Pilgerfahrt nur Ballast sind - sie einfach rausräumen und am Wegesrand zurücklassen.
Moment. Warum kann ich das nicht? Wer sagt das? Wenn ich innerhalb des Systems, innerhalb dieser bösen Gedanken mir gegenüber nicht gewinnen kann - warum spiele ich dann das Spiel? Wie in dem Buch "War Games", wo der Computer über TicTacToe sagt: "Merkwürdiges Spiel. Der einzige Weg zu gewinnen, ist, nicht zu spielen."
Kann ich das hier auch so machen? Einfach die Dismorphie hier und jetzt an diesem Café in Arcade lassen - und weitergehen? Das heißt ja nicht, dass ich meinen Körper sofort super finden muss. Aber ich kann mich ja arrangieren. Ich versuche es einfach und humpele weiter.
Der Weg meint es nicht gut mit mir. Es geht immer wieder hoch und wieder runter und mein Knöchel schreit um Gnade. Ich treffe Thomas in einem weiteren Café wieder und ich frühstücke erst einmal mit ihm zusammen. Wir witzeln zusammen über einen Spruch, den eine andere Pilgerin mir gestern gesagt hatte: "Ich würde aufpassen, denn Schmerzen sind ja auch ein Warnsignal!" Das klingt auf den ersten Blick ja erst einmal ganz toll, bis man sich klar macht, dass Schmerzen nichts anderes sind als ein Warnsignal. Das Rumblödeln heitert mich etwas auf und ich beobachte mit Thomas zusammen die andern Pilger. Mani und Markus aus Freiburg, die ich noch aus Mos kenne, gesellen sich dazu. Sie ärgern sich über Pilger, die nicht einmal 30 sind, sich aber das ganze Gepäck immer transportieren lassen und damit gar nicht die richtige Pilgererfahrung machen, was das Tragen eines schweren Bündels angeht. "Dann bleibt doch zu Hause und nehmt den echten Pilgern nicht die Herbergsplätze weg!" regt sich Markus etwas auf. Ich sehe das mittlerweile etwas anders - jeder hat seinen Weg und man steckt nicht drin.
Ich beobachte den Strom der Pilger, der an uns vorbeizieht. Dabei sehe ich auch einen jungen, südländisch aussehenden Mann, der barfuß läuft - er hat zwar Turnschuhe dabei, aber hat sie ausgezogen. Ich bin also nicht der einzige, der das zumindest versucht hat, denke ich.
Ich kämpfe mich weiter voran, über eine alte Römerstraße, die auch über eine schöne alte Brücke führt.
Zum Leidwesen der Autofahrer wurde die auch seit den Römern nicht verbreitert
Dahinter geht es zurück in den Wald. Der weiche Boden ist für das Gelenk angenehmer und der Schmerz nimmt langsam ab - allerdings hauptsächlich deswegen, weil ich nicht nur mehr Voltaren verwendet habe, sondern auch zwei Paracetamol genommen habe. Ich habe den Schmerz abgeschaltet und spüre ihn nur noch sehr dumpf. Natürlich ist das keine gute Idee, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, wenn ich nicht aufgeben möchte. Denke ich zumindest - denn an einem Zaun sehe ich plötzlich einen Stock lehnen. Einigermaßen herrenlos und geht mir bis zur Hüfte. Er ist oben gebogen und buschig aufgebogen. "Der Weg versorgt" staune ich und probiere meine neue Gehhilfe aus. Tatsächlich kann ich das Gelenk damit gut entlasten. Auch den dumpfen Schmerz spüre ich nach einer Weile nicht mehr und er kommt auch nicht wieder, als die Schmerztabletten nachlassen.
Es geht weiter durch den Wald. Ich bin etwas langsamer als die Tage zuvor, aber immer noch schneller als am Morgen und meine Stimmung bessert sich deutlich.
Der Weg durch den Wald
Dazu kommt, dass die Bäume angenehm Schatten spenden und es dadurch recht erträglich ist. Auch, als es wieder mehr nach oben geht kann ich dank meines Stocks gut mithalten.
Auf einer Lichtung haben zwei Einheimische zwei Stände eingerichtet, wo sie Getränke und Schmuck verkaufen. Sie stellen sich als Pablo und Manuel vor. Ich lasse mir von Pablo einen Eistee geben: "1 Euro - wenn du hast!" Als sie sehen, dass ich am Stock laufe, fragen sie, was los ist. Ich erzähle ihnen von meinem Gelenk und sie holen sofort einen Erste-Hilfe-Kasten, in der eine große Tube mit einer Gelenksalbe ist. Dankbar schmiere ich das Gelenk ein - es wirkt wirklich fantastisch. Die beiden sind derweil damit beschäftigt, jedem Pilger, der es hören möchte, zu erzählen, dass es eine alternative Route nach Pontevedra hinein gibt. Nach einer Kapelle soll man links Richtung Fluss laufen, der Hauptweg führt über 7km an der Landstraße entlang, während die Alternative 8,5km lang ist, aber dafür durch einen schönen Wald entlang des Flusses läuft und deutlich angenehmer ist. Manuel lässt sich von mir sagen, was "achteinhalb" auf Deutsch heißt.
Ich mag die beiden und bitte sie, ein Foto machen zu dürfen. Pablo besteht darauf, dass seine Gitarre mit auf das Bild kommt.
Ich hoffe, dass es ok ist, wenn ihr Bild hier veröffentlicht ist. Solltet ihr die beiden treffen: sie sind klasse! Bitte lieb grüßen!
Ich frage ihn, ob er darauf galizische Lieder spielen kann. Das muss ich nicht zweimal fragen. Er setzt sich hin und spielt und singt drei galizische Lieder, zwei melancholische und ein lustiges. Manuel witzelt, dass Pablo der geborene Sänger wäre, wenn nur die Stimme nicht wäre. Aber ich finde die Songs ganz wunderbar.
Bevor ich weiterziehe, helfen mir die beiden noch, einen geeigneteren Stock zu finden. Sie ziehen einen großen Ast aus dem Wald, mit dem ich mich von den beiden entferne. Pablo läuft mir hinterher mit einem anderen Ast: "Halt, hier, der ist sogar noch besser!" Er hat recht - dieser Stock ist ideal für mich und ich kann mich sehr gut damit abstützen. Ich bedanke mich und bedaure, dass ich nur ein paar Cent Klimpergeld hatte, was ich ihnen in die Spendenbüchse geben konnte.
Die Pause war effektiv - meinem Gelenk geht es gut, obwohl die Paracetamol nicht mehr wirken sollten. Ich mache zwar zwischendrin noch einmal Halt in einem von einem Deutschen betriebenen Café kurz vor der Siesta, wo ich mich mit Partypilgern aus Hamburg und Brexit-Unterstützern aus England unterhalte, aber mit der Gehhilfe scheint es jetzt sehr gut zu laufen.
Ich erreiche die Kapelle, die Pablo und Manuel meinten, zusammen mit einem Italiener, Andrea, der seinen Sohn Jose und einen Freund von ihm, Marco, dabei hatte. Sehr bald erreichen wir gemeinsam die Abzweigung, der man noch nicht ansieht, dass sie eine Alternative ist. Erst, als wir abgebogen sind und den Wanderweg finden, hängt dort ein Schild, dass es sich um eine weitere Jakobswegroute nach Pontevedra handelt. Wir laufen weiter. Die Jungs laufen etwas voraus und ich laufe wieder alleine. Der Weg ist genau so magisch, wie Pablo und Manuel mir das vorgeschwärmt hatten. Der Fluss plätschert idyllisch vor sich hin, während die Bäume Bögen über den Weg gespannt haben.
Das Bild wird dem sogar nicht gerecht...
Der Boden ist frei von Steinen und angenehm zu laufen. Als ich in der Ferne den Barfußläufer wieder sehe, hält es mich nicht mehr. Ich ziehe meinen Stützstrumpf und die Sandalen aus und laufe barfuß. Der Weg ist super angenehm unter der Haut. Ich hole den anderen ein. Er heißt Nicholas und kommt aus Argentinien. Genauso wie ich wollte er eigentlich den gesamten Weg barfuß laufen - und genauso wie ich musste er feststellen, dass es leider nicht so einfach ist und hat den Plan daher aufgegeben gehabt, versucht aber immer mal wieder ohne Schuhe zu laufen.
Nachdem ich in dem Café mit Thomas saß, hatte ich Nicholas an einer Weggabelung gesehen, wie er in einer halb meditierenden halb betenden Haltung auf dem Boden saß. Ich frage ihn jetzt, was es damit auf sich hatte. Er sagte, dass er, als er da barfuß lief, sich darüber freute und es sich gut anfühlte, er dann aber das Gefühl bekam, etwas besseres zu sein, weil er jetzt ja barfuß lief. Und er wollte meditieren bzw. beten um sich von diesem schlechten, überheblichen Gedanken zu lösen und sich wieder runterzuholen - und sich klar zu machen, dass es hier kein besser oder schlechter gibt.
Ich mag diese Einstellung sehr. Als der Weg wieder mehr aus Schotter besteht, ziehen wir die Schuhe wieder an. Er wünscht sich, in ein paar Jahren abgehärteter zu sein und dass er dann den Weg komplett barfuß laufen kann. Ich erzähle ihn von der Idee, dass wir nichts müssen, es ist immer eine Wahl. Und es ist in Ordnung, solange diese Wahl bewusst ist.
Nutzen und Notwendigkeit sind immer etwas, was im Kontext eines Ziels steht. Ändert sich das Ziel, dann ändert sich auch, was nützlich und was notwendig ist. Und wenn ich komplett barfuß den Weg laufen möchte, dann ist es notwendig, deutlich mehr Training zu haben. Die Frage ist, welchen Nutzen das Barfußlaufen haben soll. Für mich war es eine Verbindung mit dem Boden, ein Erden, ein Insichkehren. Und dafür reichten tatsächlich diese Momente am Fluss oder auf den Steinwegen.
Wir erreichen den Tunnel, hinter dem die Variante sich wieder mit dem Hauptweg verbindet.
Der Tunnel ist etwas hässlich, der gesamte Rest interessant
Die Herberge ist von hier nicht weit, wie von Pablo angekündigt. Nicholas geht zwar auch dort hin, aber nur um sich kurz mit einem Bekannten zu unterhalten und auszuruhen - er will lieber campen, als in der Herberge zu schlafen.
Die Hospitaleira zeigt mir alles. Am Schrank mit den Stiefeln bittet sie mich, die Sandalen auszuziehen und meine anderen Schuhe anzuziehen. "Ich habe nur das eine Paar." - "Ach so! Dann lassen Sie die Schuhe bitte an, laufen Sie hier bitte nicht barfuß!" - "Gar nicht barfuß?" Sie zwinkert mir zu: "Doch, aber erst, wenn Sie geduscht haben!"
Endlich jemand, der das Prinzip verstanden hat - meine Füße sind am Ende der Wanderung in den Sandalen dreckiger als die Sohlen der Sandalen.
Sie erlaubt mir auch den Stock neben dem Bett zu lagern. Ich revanchiere mich damit, dass ich ein paar Übersetzungsfehler auf den deutschen Aushängen korrigiere. Erst nach ein paar Anläufen wird der Hospitaleira klar, was ich da versuche und dass das, was ich sage, kein falsches Spanisch sondern das falsche Deutsch wörtlich zurückübersetzt ins Spanische ist. Sie zeigt es sofort allen anderen Mitarbeitern und bedankt sich für die Korrektur. "Wir sind hier alles Freiwillige, wir haben da sonst nicht die Ressourcen zu." - "Ich weiß, darum habe ich das gemacht."
Der Bekannte von Nicholas ist Thorben, ein Halb-Ire und Halb-Deutscher. Eigentlich wollte ich mit ihm zusammen und ein paar Deutschen essen gehen, doch diese wollen tief nach Pontevedra rein. Da ich froh bin, dass mein Gelenk so gut mitgehalten hat und mein Glück nicht herausfordern will, will ich nicht so weit laufen und kehre mit Thomas und Marina, einer deutschen Pilgerin, die ich in Redondela kennen lernte, in einem Restaurant auf der anderen Straßenseite ein. Marina beschwert sich über den üblen Weg nach Pontevedra hinein an der Landstraße - sie wusste nichts von der Alternative. Thomas und ich schwärmen ihr von der schönen Route vor. Marina kam zwar an Pablo und Manuel vorbei, wollte aber nicht hören, was die zu sagen hatten, da sie sich nicht anquatschen lassen wollte. Im roten Reiseführer steht die Strecke wohl auch drin, aber sie hat den gelben. Thomas hatte es von einer anderen Pilgerin erfahren. So oder so - leider hat sie es nicht mitbekommen. Wir witzeln, dass sie mit dem Bus zurückfahren sollte und die Strecke noch einmal gehen sollte, diesmal entlang des Flusses.
Es ist der letzte Abend für Thomas, der am nächsten Tag aufbrechen muss. Aber zunächst gibt es Kuchen in der Herberge. Ellie, eine junge Medizinstudentin, hat Geburtstag und backt Kuchen für alle. Da eine Finnin auch an demselben Tag Geburtstag hat, darf sie die Kerzen mit ausblasen. Ich spiele mit den beiden italienischen Jungen Schach. Als sie noch Makao mit mir spielen wollen, entschuldige ich mich aber - es war ein langer Tag und ich bin hundemüde.
Plötzlich ist ein Stock also nicht nur nützlich, sondern auch nötig geworden. Ohne hätte ich es vermutlich nicht geschafft, mit fühle ich mich sogar wieder zuversichtlich, dass ich die Variante Espiritual schaffe. Und: jetzt sehe ich zumindest wie ein stereotypischer Pilger aus. Mit Pilgermuschel und Wanderstab. In dem Sinne: "Ultreia!" Das ist ein alter Pilgergruß und bedeutet "Vorwärts! Weiter!" Besonders in Situationen, in denen man einen Ansporn gut gebrauchen kann.

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Montag, 3. Juli 2017

Tag 8 - Es kommt ein Sturm! (Mos - Redondela)

You are deformed and you are ugly! And these are crimes for which the world shows little pity. 
Du bist missgestaltet und du bist hässlich! Und dies sind Verbrechen für die die Welt wenig Mitleid zeigt.
("Out there" aus Disneys "The Hunchback of Notre Dame - Der Glöckner von Notre Dame")
Ich erinnere mich noch gut, dass ich am Vortag in einem Café den Wirt gefragt hatte, ob er den Wetterbericht gehört hatte. Zwei deutsche Mädchen neben mir machten sich über mich lustig. "So eine Frage kann nur ein Deutscher stellen. Das ist Spanien, Sonnenschein natürlich, Sonne, Sonne, Sonne." Ich erinnere mich gerade deswegen, weil mich auf der Straße aus Mos heraus ein lautes Donnergrollen und ein schwarzer Himmel dazu bewegen, die Honecker-Regel zu brechen, zur Herberge zurück zu laufen um dort das Frühstücksangebot wahrzunehmen und dabei den Regenguss abzuwarten.
Obwohl das natürlich ganz hübsch aussah.
Ich gehöre da zu der Minderheit. Die meisten holen sich ihren Poncho heraus und wollen nicht abwarten. Beim Frühstück sitze ich mit zwei Portugiesen zusammen. Ich gestehe ihnen, dass ich ihrem Volk abspreche, Frühstück machen zu können oder gute Autofahrer zu sein. Ricardo meint: "Das stimmt auch. Aber weißt du, warum das so ist? Weil wir immer chronisch zu spät sind. Wir haben keine Zeit für Frühstück, also nur schnell einen Croissant und einen Kaffee. Und darum fahren wir auch wie die Henker. Ich habe mal meinen eigenen Lieferdienst gehabt - ich habe das an den Nagel gehängt, weil mir mein Leben zu lieb und teuer war. Aber weißt du, wer schlimmer sind? Die Brasilianer!"
Das hatte ich mir schon gedacht, denn das brasilianische Wort für "Frühstück" übersetzt sich mit "Morgenkaffee". Da reicht es nicht einmal zum Croissant.
Als der erste sintflutartige Regenguss vorbei ist, laufe ich los - sehr bald fängt es aber wieder an zu regnen. Ich komme in der Nähe der zweiten Herberge in einem weiteren Café unter, wo ich die Russinnen wiedertreffe, die wir in der Nähe von O Porriño das letzte Mal trafen.
Es regnet sich ein. Die gute Nachricht daran ist, dass es nicht mehr so heiß ist, sondern angenehm kühl. Die schlechte, dass das alles auf die Stimmung drückt und auch der große Poncho nur dafür sorgt, dass man durch den Schweiß und nicht durch den Regen feucht wird.
Nicht im Bild: die Pfadfindertruppe, die vorher langgestiefelt ist, die zwar sehr lieb, aber sehr laut sind

Mein Gelenk macht immer wieder Probleme und tut weh. Am Wegesrand entdecke ich Schilder von einer Physiotherapeutin in Redondela, der spezielle Angebote für Pilger hat. Ich nehme mir vor, ihr einen Besuch abzustatten, was auch der portugiesische Arzt, der Susann behandelt hat, für eine gute Idee hält, als ich ihm zwischendrin über den Weg laufe.
In den Außenbezirken von Redondela kehre ich mit Thomas, einem Österreicher, den ich zuletzt mit den Bayern herumlaufen sah, in einer Bar ein und wir unterhalten uns, während ich mir einen provisorischen Stützverband bastel.
Man sieht es echt noch nicht, dass man in einer Stadt ist - dafür aber kreative Pilgersymbole

Er ist davon überzeugt, dass ich Freimaurer oder Rosenkreuzer oder so etwas wäre. Ich hätte da so etwas an mir. Ich erzähle ihm, dass ich mal in einem Wicca-Zirkel war, dass das aber in der Vergangenheit liegt. Wir reden über magische Handlungen und Symbole und darüber, dass nur die Dinge über einen Macht haben können, wenn man sie lässt. So, wie der Weg. Jeder Pilger lässt sich auf den Weg ein und auf die Symbole, die damit im Zusammenhang stehen. Und das ist ein spiritueller Akt, der den Weg und alle Phänomene dadurch erzeugt, dass so viele den Weg laufen. "Wanderer, es gibt keinen Weg, du schaffst den Weg durchs Gehen..."
Leider ist der Abstieg zur Stadt gut steil und damit nicht gerade angenehm für mein Gelenk

Mein Fußgelenk will keinen Weg mehr schaffen und unter Schmerzen erreiche ich die Innenstadt von Redondela - keine lange Strecke. Nach dem Einchecken mache ich mich auf dem Weg zu der Adresse, die auf den Plakaten angepriesen stand - nur um vor einem leeren Gebäude zu stehen. Glücklicherweise sah ich eine andere Praxis in der Stadt, zu der ich jetzt gehe. Es handelt sich um ein medizinisches Zentrum, eine Ärztin und eine Physiotherapeutin unter einem Dach.
Die Ärztin und die Schwester gucken sich meinen Fuß von allen Seiten an und versuchen verschiedene Manipulationen immer mit der Frage, ob das wehtut.  Schließlich kommen sie zu dem Schluss, dass es sich tatsächlich einfach um eine Überanstrengung handelt. Sie machen mir einen Voltarenverband und empfehlen mir, mich von der Therapeutin noch einmal massieren zu lassen - die sei aber gerade nicht da, sie könnten mir aber in 50 Minuten einen Termin geben, ich solle aber pünktlich sein.
Es gibt nicht wirklich viel zu tun für einen Pilger, der da gerade in einer Stadt feststeckt. Ich gehe kurz in die Apotheke und kaufe Medikamente. Dann hole ich mir aus der Herberge mein Buch um die Wartezeit zu überbrücken und bin 20 Minuten vor dem Termin zurück. Die Schwester schaut mich verwundert an und dann auf die Uhr. "Sie haben noch 20 Minuten," meint sie auf Castellano, "was machen Sie so früh denn schon hier?" Ich grinse sie leicht schelmisch an und antworte "Ich bin Deutscher!" Sie guckt mich an und kann das laute Losprusten gerade so vermeiden, in dem sie sagt: "Moment, ich schau mal, ob die Therapeutin schon da ist..."
Zunächst komme ich unter die Wärmelampe, dann kommt die Therapeutin und verpasst meinen geschundenen Unterschenkeln eine ordentliche Massage, wo es sich anfühlt, als würde sie jede Sehne und jedes Band einzeln raustrennen, entwirren und wieder einsetzen. Entspannter als zuvor und mit 50€ weniger für die Behandlung verlasse ich das Zentrum und bereue nichts.
Ich solle am nächsten Tag locker machen und nicht so weit laufen. Und ich soll mir eine Stützbandage aus der Apotheke besorgen und tragen, insbesondere, wenn es wieder steil bergan geht. Und ich soll das Gelenk möglichst oft hochlegen und mit Eis oder Kühlpacks kühlen.
Zu Abend essen wollte ich in einem Irish Pub auf der Straße. Ich fühle mich in meiner Auswahl bestätigt, da im Schaufenster steht, dass man dort eine Tüte Eiswürfel für 2€ kriegt. Die bestelle ich auch gleich beim Wirt und balanciere sie auf meinem Fuß, den ich demonstrativ auf die Bank ablege. Ich esse recht gut, auch durch die Snacks die, für Galizien üblich, ungefragt und gratis mit auf den Tisch gelegt werden.
Als ich zahle werden mir die 2€ für das Eis nicht berechnet. "Geht aufs Haus, ihrem Fuß geht es ja nicht gut." Ich bedanke mich und gehe zurück in die Herberge, wo ich Thomas und Klaus, die dort auch angekommen sind, von dem Urteil der Ärztin erzähle.
Wegen des Verbands kann ich nicht duschen, also wasche ich mich im Waschbecken und sehe dabei mein Spiegelbild. Und da ist er. Mein Minotaurus. Es war natürlich nicht richtig, dass ich nicht weiß, wer mein Minotaurus ist. Ich weiß es und ich weiß es schon seit Jahrzehnten. Er ist mit der Grund für die Pilgerfahrt. Und er ist mit der Grund für ein paar harte Entscheidungen gewesen.
In dem Shambhala-Buch steht, dass man sich im Spiegel in die Augen sehen können muss mit dem Gefühl aus ganzem Herzen, die Welt verdient zu haben. Und das kann ich nicht. Ich halte es kaum aus, meinen Körper beim Waschen im Spiegel zu sehen, geschweige denn mir in die Augen zu sehen. Ich empfinde mich als unförmig, als hässlich. Nein, ich fühle nicht, dass ich die Welt verdient habe. Nein, ich fühle nicht, dass ich irgendwas verdient habe. Schon gar nicht die Liebe von einem anderen Menschen oder von dem, in den ich mich verliebt habe. Und ja, dass ist mein Monster. Das ist mein Felsbrocken auf dem Weg. Ja, natürlich, ich kenne die Glückskekssprüche - ich weiß, wer soll mich schon lieben, wenn ich es nicht einmal selbst tue. Ja, ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich lieb haben und die ich lieb habe. Ja, ich weiß, dass das alles den Namen "Körperdismorphie" hat, die krankhafte Vorstellung, unförmig oder hässlich zu sein.
Und nein, es hilft nicht. Und es helfen auch nicht die Myriaden Abnehmversuche, die ich dann doch selbst sabottiere, weil ich unrealistische und verzweifelte Ziele setze. Warum kann ich hier keine gelben Pfeile haben, die mich um diesen Felsbrocken herumleiten? Ein gelber Pfeil, der mir signalisiert, dass es weitergeht. Aber es gibt keinen. Oder will ich ihn nicht finden?
Die Körperdismorphie ist überhaupt der Grund gewesen - oder zumindest einer der Hauptgründe - warum ich alleine auf den Camino wollte. Alle anderen Themen und Gedanken hätte ich mit Freunden teilen und gemeinsam erleben können. Der Weg ist unnötig aber nützlich, sinnhaft, beseelt magisch? Mit meinen Freunden Simon oder Felix hätte ich mit wachsender Begeisterung gemeinsam beim Wandern darüber philosophieren können. Aber dieses Problem muss ich alleine bewältigen. Struppi wies mich darauf hin, dass er versucht hat zu helfen, ich aber jeden Versuch sabottiert und blockiert habe. Das Problem ist in mir. Ich habe es verschlossen und nur ich kann es lösen.
Ich bin der Weg. Und das Hindernis. Ich bin der verletzte Knöchel und die Heilung. Wie kann etwas Weg und Hindernis sein? Warum blockiere ich mich? Warum klammere ich mich an dieses negative Selbstbild so sehr? Warum ist mir das so wichtig?

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Samstag, 1. Juli 2017

Tag 7 - Keine Panik! (Valença - Mos)

Un paso, me voy para siempre, un paso fuerte. Un paso hacia adelante. Dos pasos, me voy sin mirarte. Tan lejos pisé, dos pasos y ya te olvidé. Tres pasos ya son hacia al este, el sur, el oeste. Tres pasos creo mucho, me parece.
Ein Schritt, ich gehe für immer, ein starker Schritt, ein Schritt vorwärts. Zwei Schritte, ich gehe ohne dich anzusehen. So weit bin ich schon gegangen, zwei Schritte und ich habe dich schon vergessen. Drei Schritte, ich bin schon nach Osten, nach Süden, nach Westen. Drei Schritte, ich glaube das ist viel, so scheint es mir.
("Mil Pasos", Soha)
Der Rezeptionist redet fast verzweifelt auf Portugiesisch auf mich ein. "Aber mein Herr, das können Sie doch nicht machen, da gibt es doch sicher einen anderen Weg. Schauen Sie, hier, auf dem Stadtplan, dort an der Ecke ist ein Uhrmacher. Ich bin sicher, dass der Ihnen das Stück reparieren kann. Der macht... gut... der macht erst um 10 Uhr auf... und sie wollen vermutlich weiter, aber wenn Sie wollen, dann kann ich nach einem in Tui schauen."
Ich lächle freundlich und sage "Nein, danke. Ich möchte sie gerne hier lassen. Sie ist Schrott - Müll!" Das Wort für "Müll" habe ich oft genug gelesen auf Schildern, die verboten, Müll im Wald zu verklappen. Nicht, dass sich die Portugiesen daran halten würden - wilde Müllkippen habe ich sehr häufig gefunden, oft hat sogar noch jemand mit Feuer nachgeholfen. Kein Wunder, dass es Probleme mit Waldbränden gibt.
Der Rezeptionist gibt sich schließlich geschlagen und nimmt die Überbleibsel der Uhr entgegen. Es ist nicht der einzige Ballast, den ich im Hotel entsorge. Ich habe ein paar Ausdrucke mit Grammatikregeln, die ich nicht brauche, ebenfalls weggeworfen, sowie Teile von Pamphleten von Streckenabschnitten, die ich in Spanien nicht mehr brauchen werde. Der Rucksack ist tatsächlich ein deutliches Stückchen leichter, was wichtig ist, denn die Lösung mit dem Hüftgurt hat nicht funktioniert. Das ist nur halb schlimm - denn es ist eigentlich ein Kinderrucksack, den ich nur wegen seinem kleinen Volumen gewählt hatte. Schnalle ich den um die Hüfte, sitzt er sehr komisch am Rücken. Aber gut. Das Problem habe ich jetzt nicht mehr. Wird es mir auf dem Rücken zu schwer, dann muss ich an den Gurten ziehen und ihn so tragen - das geht ganz gut.
Ich mache mich auf dem Weg durch die alte Stadtmauer von Valença, vorbei an einem Café, das auf Portugiesisch und leicht falschem Englisch einen darüber informiert, dass dies das letzte Café entlang des Caminos auf portugiesischer Seite ist. Ich glaube es, denn nur wenige Schritte erwähnt stehe ich an der internationalen Brücke. Die Grenze verläuft genau in der Mitte des Flusses, der auf portugiesisch Minho und auf spanisch Miño heißt. Auf der Brücke ist sie markiert mit zwei Fußabdrücken. Die Aussage ist klar - wenn du dich hier hin stellst, dann ist dein linker Fuß in Spanien und dein rechter in Portugal. Ich schaue kurz zurück, leicht wehmütig. Portugal war gut zu mir und es hat mir gut gefallen.
Auch, wenn Spanien nicht gerade einen hässlichen ersten Eindruck macht
Ich überschreite die Linie und stelle die Uhrzeit in meiner Kamera um - denn ganz Spanien ist wieder in der MEZ, anders als Portugal. Das bedeutet aber auch, dass es jetzt schon fast 10 Uhr ist - für das Pilgern recht spät, aber das Frühstück im Hotel mit der ersten Apfelschorle seit einer Woche wollte ich noch unbedingt mitnehmen.
Der Teil Spaniens, in dem ich mich nun befinde, ist Galizien, eines der Gebiete, die gerne autonom wären, so wie Katalonien - anders als Katalonien aber eher ärmer ist. Was die beiden Landesteile aber gemeinsam haben, ist, dass sie eine eigene lokale Sprache haben. Galego bzw. Galizisch - eine Art Mischung aus Portugiesisch und Spanisch. Meinen ersten Eindruck davon bekomme ich an einem schönen Wandgemälde, dass einem die Stadt Tui erklärt.
Ob für die Einheimischen, die Touris oder die Pilger ist allerdings nicht ganz klar
In der Innenstadt gönne ich mir einen Eistee und hole mir dort und in dem Fremdenverkehrsbüro meine ersten beiden spanischen Stempel. Ich unterhalte mich eine Runde mit Pedro, einem Portugiesen, der dort sich einen Kaffee trinkt. Den Portugues ist er bereits 7x gelaufen und den Frances 2x. Wir unterhalten uns über meine Erkenntnisse der letzten Woche, über Mobiltelefone, Pilgergemeinschaften und anderes. Er sagt, etwas, was mich nachdenklich stimmt. Er sagt, dass, sobald du die erste Sache tust, die als Vorbereitung dient, du bereits ein Pilger bist.
Der erste Schritt, den ich in Richtung Jakobsweg unternommen hatte, war, die Muscheln in Hamburg mitzunehmen. Bin ich schon seit 2002 am Pilgern? War jeder Schritt ein Schritt auf dem Weg? Schließe ich hier nur etwas ab, was schon sehr lange begann?
Ich durchstreife die schöne Altstadt von Tui. Der galizische Baustil unterscheidet sich bereits deutlich von dem portugiesischen. Verschwunden sind die verkachelten Häuser, dafür stehen hier Gebäude mit rauen Steinfassaden, die auch gut aussehen - aber eben auch deutlich anders.
Das trifft auch auf galizisch zu. Auf dem Weg aus der Stadt heraus finde ich unter einer Brücke einen Spruch von dem Konzil von Tui in Galego, das mir zeigt, wie stark es doch von Castellano, dem, was wir so als Spanisch bezeichnen, abweicht.
"Wohin geht dieser Pilger, wohin wird mein Pilger gehen, den Weg nach Compostela, ich weiß, er wird dort ankommen.
Guten Weg und einen Wunsch. Konzil von Tui."
Der Weg ist einfach zu laufen. Er führt aus Tui heraus zwar an einer Landstraße entlang, aber anders als die portugiesischen Straßen gibt es hier einen ordentlichen Bürgersteig und die Spanier fahren deutlich umsichtiger als die Portugiesen, man kann also ohne Todesangst Strecke machen. Das Problem an diesem Tag ist ein anderes - die Sonne brennt brutal vom Himmel und es gibt kaum Schatten, was einem unglaublich zusetzt.
Kurz vor O Porriño, dem geplanten Ende meiner Tagesetappe, gibt es eine Wegalternative. Weiter an der Straße entlang durch ein Industriegebiet - oder durch den Wald, was länger aber reizvoller ist. Ich wähle den Wald und bin recht froh darüber. Hinter dieser Strecke treffe ich an einem Getränkeautomaten Nicole und Daniel, zwei Pilger aus Schwäbisch-Hall, wieder. Wir reden darüber, dass ich Reiseführer für unnötig halte. Nicole schnippt: "Ohne Reiseführer hätte ich nicht gewusst, dass hier ein Getränkeautomat ist." Ich kontere: "Ich habe das an dem Schild 'Getränkeautomat' erkannt, das da hängt."
Am Eingang von O Porriño sehe ich etwas, was ich deutlich häufiger erwartet hätte - Witzbolde haben hier die Pfeile übersprüht um Pilger an den Läden und der Hauptstraße entlang zu führen. Aber die Freunde des Jakobswegs haben das Übersprühte wieder übersprüht - es ist etwas verwirrend, aber es ist doch klar, wie man laufen muss - von der Hauptstraße weg und durch den Wald. Nicole und Daniel versichern sich dennoch mit dem Reiseführer und wir verabschieden uns auf später in die Herberge.
Dieses Wäldchen bietet sogar etwas Schatten...
Leider kommt es dazu nicht. Denn ich passe in O Porriño kurz nicht auf und verpasse das Schild Richtung der öffentlichen Herberge. Das merke ich erst, als ich am Ortsausgangsschild vorbeilaufe. Mich ergreift die Panik. Wo ist die Herberge? Was, wenn das jetzt vor Redondela die letzte Herberge war und ich erst einmal 16km bis dort hin laufen muss um schlafen zu können? Es war da bereits recht spät, was, wenn ich da keinen Platz mehr bekomme? Ich laufe schneller und ignoriere dabei ein wenig die Anstrengung in meinem linken Fuß. An einer Bushaltestelle setze ich mich hin - gut. Das ist ein Notfall. Wenn ich jetzt mein Handy zücke und im Internet danach suche, dann finde ich sicherlich die nächste Herberge. Ich fische es aus dem Rucksack und schalte es ein.
Genau in dem Moment kommt Trine vorbei, eine Pilgerin aus Dänemark. Sie erzählt mir, dass es in Mos, etwa 5km entfernt, zwei Herbergen gibt. Sie weiß nicht, wie voll die bereits sind, aber das wäre eine Chance. Erleichtert schalte ich das Handy wieder aus, bin aber immer noch nervös, dass wir nicht rechtzeitig ankommen. Ich laufe mit ihr in Richtung Mos. Es geht bergan, ich presse aber vorwärts. Einen Bauer frage ich auf Castellano nach dem Weg und die Antwort kommt in Galego. Ich verstehe es dank meinem Portugiesisch genug um zu verstehen, dass es nicht weit ist. Eine Herberge sei hinter dem nächsten Hügel, nur wenige hundert Meter entfernt. Die nächste befindet sich hinter einer Kirche, beide liegen am Weg. Ich bedanke mich. Die erste Herberge befindet sich tatsächlich dort, wo der Bauer es sagte - Trine versucht ihr Glück mit der zweiten. Aber diese erste Herberge hat nicht nur ein Bett für mich, es gibt da auch Frühstück. Ich bin erleichtert - aber muss feststellen, dass ich durch die Hetzerei nicht auf mich geachtet hatte. Beim einräumen stöhne und ächze ich wie ein alter Mann. Mein linkes Fußgelenk schmerzt und ich kann die Treppe nur eine Stufe zur Zeit hoch- und hinuntergehen. Wäsche waschen und einräumen ist sehr mühselig.
Ich trinke meine drei Dosen Eistee im Schankraum - der Wirt hat den Ventilator netterweise so aufgestellt, dass er mich genau anbläst, was sehr angenehm ist. Auf der Rückseite meiner linken Wade ist ein dicker, fetter Sonnenbrand obwohl ich mich zweimal eingeschmiert hatte. Seufzend nehme ich mir vor, morgen die Hose lang zu tragen um die Stelle vor der Sonne zu schützen.
In der Herberge sind einige Deutsche. Ein junger Pilger namens Tobias, den ich schon in Tui getroffen hatte und der aus Saarluis kommt, Mani und Markus aus Freiburg und noch ein paar. Sie bieten mir an, sich zu ihnen zu setzen. Ich humpele dazu - allerdings spielen einige der Pilger hier Trinkspiele und es fließt recht viel Alkohol. Ich kann damit nicht so viel anfangen und mache mich lieber bettfertig.
Es gibt viele verschiedene Gründe, warum man pilgert. Einige tun es aus tiefen religiösen Gefühlen, andere, weil sie echte spirituelle Fragen haben, wieder andere aus Abenteuerlust. Dann gibt es die, die sich beweisen wollen, dass ihr Körper noch nicht kaputt ist, dass sie so etwas leisten können. Und es gibt Pilger, die ich "Partypilger" nenne. Ich meine das durchaus nicht abwertend - jeder geht seinen Weg. Partypilger laufen des Tags und gönnen sich nachts dann viel Alkohol und Partyspiele. Für sie ist der Weg ein Happening. Das ist nicht falsch. Das ist das, was sie aus dem Weg ziehen und das ist in Ordnung. Es ist nur nicht mein Weg und daher beschäftige ich mich nicht viel mit Partypilgern.
Natürlich gibt es Mischformen. Jeder geht seinen Weg, jeder hat seine Mischung aus Sinnsuche, Abenteuerlust, Drang sich zu beweisen, Spiritualität und Glaube. An diesem Abend stelle ich es noch nicht fest, aber mit den anderen am Tisch verbindet mich dann doch mehr.
Was ich aber feststelle, als ich im Bett liege, ist, dass der Hund vom Nachbargrundstück meine Tierliebe auf eine harte Probe stellt, da er sogar noch lauter ist als die Portugiesen ein Stockwerk unter mir. Er kläfft solange, bis ein Hund in weiterer Ferne kläfft und dann kläfft er, weil dieser kläfft. Aber auch das überstehe ich und schlafe irgendwann ein.

Freitag, 30. Juni 2017

Tag 6 - Adeus, Portugal! (Rubiães - Valença)

Se o teu coração não quiser ceder, não sentir paixão, não quiser sofrer sem fazer planos do que virá depois, o meu coração pode amar pelos dois.
Wenn dein Herz nicht nachgeben will, keine Leidenschaft spüren will, nicht leiden möchte ohne Pläne zu schmieden für das, was danach kommt, kann mein Herz für uns beide lieben.
("Amar pelos dois",  Luisa & Salvador Sobral, Gewinner des ESC 2017)
Ich wache auf, als die ersten Vögel zwitschern. Fast schon automatisch trage ich meine Sachen aus dem Schlafsaal und ziehe das Bett ab. Erst im Essenssaal schaue ich auf die Uhr: es ist erst 3:20! Was mache ich jetzt? Zurück ins Bett? Das würde zu viel Unruhe verbreiten. Aber zum Loslaufen ist es zu dunkel - man sieht die Pfeile nicht.
Da ich aber auch nicht mehr müde bin, bleibe ich im Essenssaal, packe in aller Ruhe und lade dabei Kamera und Fotoapparat. Danach meditiere ich und schreibe mein Tagebuch weiter, insbesondere meine Gedanken zu "unnötig" und "nutzlos". Das Problem ist nicht, dass Pilger Reiseführer mitnehmen oder sehr viele Socken. Es ist nur dann ein Problem, wenn dies unbewusst passiert.
Bevor ich lospilgerte, habe ich mit Simon zusammen eine genaue Packliste zusammengestellt. Danach habe ich diese Liste erweitert um Dinge, die ich mitnehmen wollte. WOLLTE. Nicht musste. Wichtig ist nicht, dass wir Dinge mitnehmen, die wir eigentlich nicht brauchen. Wichtig ist, dass wir dies bewusst entscheiden und uns darüber im Klaren sind.
Ich hörte, dass gerade auf dem Camino Frances, also dem Hauptweg, der deutlich länger ist, sehr viele Menschen diese Erkenntnis zwischendrin haben und dann sich sehr vieler Dinge aus ihrem Gepäck entledigen - weil sie gesehen haben, wie wenig sie eigentlich wirklich benötigen. Und sie sehen, dass sie sehr viel Luxus unbewusst eingepackt haben und sich damit von deren Gewicht abhängig gemacht haben.
Was man aber wirklich braucht oder eben nicht - das ist sehr subjektiv, kann nur subjektiv sein. Vielleicht brauche ich sieben Paar Socken für mein Wohlgefühl? Vielleicht brauche ich einen Reiseführer um mich nicht verloren zu fühlen? Als ich meinen Mitpilgern zeigte, dass ich nur einen verkleinerten Ausdrucks eines Pamphlets habe, der bequem in meine Hemdtasche passt, in der nur die nächsten Stationen und die grobe Entfernung zu dieser verzeichnet sind, staunen sie mich mit offenem Mund an. Aber Alternativen, Herbergen, Informationen, all das findet man in den Reiseführern. Mein Totschlagargument ist: "Ich komme trotzdem an."
Damit möchte ich mich nicht über deren Weg stellen. Jeder hat seinen Weg. Und vielleicht brauchen sie den Reiseführer. Ich habe für mich entschieden, ihn nicht zu verwenden und fahre damit gut.
Jeder hat seinen Weg und das beinhaltet auch die Ausrüstung. Und damit auch die Reisevorbereitungen. Diese gehören mit zum Weg.
Und die eigene Zeit, die eigene Geschwindigkeit ebenfalls. Nicht zu hetzen, auf den Körper hören und den Körper das Tempo bestimmen lassen.
Kurz vor 5 Uhr geht die Straßenbeleuchtung an und ich beginne die letzte Etappe in Portugal durch das nächtliche Rubiães. Dies ist die letzte Etappe in Portugal. Die meisten, mit denen ich sprach, wollen am Abend in Tui unterkommen. Das ist die erste Stadt auf der spanischen Seite. Ich habe keine Eile, das Land zu verlassen und möchte die nächste Nacht noch in Portugal bleiben. Valença und Tui sind Nachbarstädte, die über eine Brücke miteinander verbunden sind. Die Grenze verläuft genau in der Mitte des Flusses. Von der Altstadt in Valença bis zur Altstadt von Tui sind es 10 Minuten Fußweg - in welchem der beiden Städte man also die Tagesetappe beendet ist nicht so wichtig.
Außerdem nehme ich mir vor, in ein Hotel zu gehen um einmal eine Nacht lang meine Ruhe und morgens ein ordentliches Frühstück zu haben.
Der Weg führt zunächst durch ein Feld und dann über eine alte, römische Brücke. Der Vollmond spiegelt sich im Wasser.
Die einzige Nachtaufnahme, die was taugt von diesem Morgen
Portugal will sich mit Stil verabschieden und führt den Weg weiter über die altrömische Straße XIX. Hochnebel beherrscht die Stimmung und in einem Waldstück sieht man atemberaubend schönes Wildwasser. Ich laufe wieder barfuß, die Steine bieten sich dafür wunderbar an.
Ich denke weiter über die Sache mit "unnötig" und "nützlich" nach. Vielleicht ist der Grund, warum die anderen so schockiert reagiert haben, als ich Reiseführer als "unnötig" bezeichnete, dass wir in vielen Dingen gerne so tun, als hätten wir keine Wahl. Es ist einfacher etwas hinzunehmen, Konventionen, Dogmen, soziale Normen, als Verantwortung zu übernehmen und bewusst sich für das eine oder andere zu entscheiden. Und so tun wir vor uns selbst, als hätten wir keine Wahl, ja, wir sehen gar nicht mehr, dass wir eine Wahl haben und sagen dann, dass wir mit etwas leben müssen - auch wenn das gar nicht zutrifft.
Und natürlich gilt das nicht nur für die anderen. Natürlich habe ich auch Dinge dabei, die ich für notwendig hielt - und mittlerweile als Luxus angesehen habe. Und natürlich habe ich auch Dinge dabei, auf die ich hätte verzichten zu können - ohne, dass ich das schon gemerkt habe.
Lustig würde ich mich deswegen nicht über die sieben Paar Socken von Nicholas machen. Vielleicht braucht er sie wirklich. Vielleicht braucht er sie nicht, aber er braucht die Illusion, sie zu brauchen. oder die Erkenntnis, sie doch nicht zu brauchen. So oder so ist es für mich unsichtbar, ob dies für ihn einen Nutzen hat oder nicht - so, wie es für andere nicht offensichtlich ist, was für mich Nutzen hat oder nicht. Und mir selbst ist es auch oft nicht klar.
Ich treffe wieder auf Joost und Nanette und wir unterhalten uns über Joosts Firma - er baut Systeme zur Identitätsprüfung zum Beispiel für Flughäfen. Um mit den beiden mithalten zu können, ziehe ich die Schuhe wieder an. Wir sind auf der Suche nach einem Café - das erste ist zwar geschlossen, dafür bietet die nahegelegene Kirche im Nebel mit dem dahinterliegenden Mobilfunkmast ein faszinierendes Bild.

Leider hängen in den interessantesten Winkeln immer Telefonkabel...
Bei einem Steinhaufen halte ich etwas länger an, so dass die beiden voraus laufen. Ich ziehe die Sandalen wieder aus und laufe bis zum nächsten Café, wo ich nicht nur sie, sondern auch die Schwedinnen und Eleonore, die Belgierin, wiedertreffe. Elisabeth hatte sich mir gegenüber am Vortag als Diakonin der schwedischen Kirche geoutet und wir hatten viel über mein Verhältnis zu Religion gesprochen und dass ich Atheist bin. Wir schneiden das Thema über mein Käsebrötchen noch einmal kurz an.
Ich lasse die Sandalen sehr lange aus und ziehe sie erst wieder an, als nach einer Weile des Laufens meine Sohlen sich wieder müde anfühlen. Ich sichere mir zu, es immer wieder zu versuchen.
Meine nächste Café-Pause ist in Cerdal, einem Dorf kurz vor Valença - ich sage Café, aber es ist nur eine Bude auf einer Wiese. Ich treffe da zwei Deutsche wieder, die ich schon in Rubiães getroffen hatte. Wie einige erzählen sie mir, dass sie schon einmal den Frances gelaufen sind und der besonderer war - mehr "Originale" und irgendwie tiefer. Ich entgegne, dass es vielleicht daran liegt, dass es für sie der zweite Camino ist. Sie geben mir Recht: "Einige Dinge sollte man nur einmal machen."
Tatsächlich ist mein Gedanke aber, warum sie nicht jetzt im Moment sind. Also: warum nicht jetzt den Augenblick genießen, statt ihn sich madig zu machen mit dem Vergleich mit früheren Erlebnissen? Und damit es auch noch anderen madig machen?
Kurze Zeit später komme ich an einer Herberge mit Café vorbei, wo die Japanerinnen sitzen. Da ich mich mit den beiden nicht unterhalten hatte, hole ich das nach. Der Hospitaleiro ist ein junger Mann aus Paderborn, der hier "hängengeblieben" ist. Er gibt mir nicht nur einen Stempel, er malt den sogar aus.
Leonie und Tim kommen ebenfalls - Tim versichert sich mehrfach, dass seine Aussagen auch nicht falsch angekommen sind. Wir machen ein paar Bilder und ziehen dann unabhängig voneinander weiter.
Dem Wegweiser nach habe ich schon über die Hälfte des Weges nach Santiago hinter mir - aber das heißt leider nichts
Am Stadtrand von Valença gönne ich mir in einem Restaurant eine lokale Spezialität, eine Francesinha. Das ist ein Toast mit Steak, Würsten und Schinken, die mit reichlich Käse überbacken wurden. Dazu gibt es ein Kilogramm Pommes. "Francesinha" bedeutet eigentlich "kleine Französin", aber als Elvira in Tamel eine bestellt hatte, sprachen wir ob der großen Portion eher von "einer französischen Kleinfamilie". Das trifft in diesem Restaurant auch zu und ich kriege nicht alles runter. Auf dem Weg zur Toilette bleibe ich mit der Uhr, die ich mir am ersten Tag in Porto gekauft hatte, hängen, das Armband reißt und die Uhr springt in mehrere Bestandteile auf dem Boden.
Gut. Sie war billig und lief ständig nach - ein großer Verlust war es nicht, da meine Kamera mir auch die Zeit anzeigte und deutlich zuverlässiger. Das machte die Uhr zu Luxus. Und etwas, was ich nicht brauche.
Ich laufe weiter und treffe auf zwei deutsche Pilger. Die eine fragt mich, ob das mein ganzes Gepäck sei. Ich bejahe das. "Dann hast du schlau gepackt - ich habe nicht schlau gepackt, ich muss es mir transportieren lassen." Ich danke innerlich noch einmal Simon für seine Hilfe.
Eine Sache, die ich sicherlich nicht vermissen werde - zumal das in Galizien leider auch häufig vorkommt - sind die Hunde. Sehr viele Grundstücke werden von Hunden bewacht, die sofort loskläffen, wenn man sich auch nur einen Nanometer zu nahe an den Zaun traut. Etliche Hunde springen auch auf die Mauer um von da besser herunterkläffen zu können - gerne auch erst in dem Moment, wo man daran vorbeiläuft, damit man auch ja einen ordentlichen Schreck kriegt.
Wir waren einigermaßen froh, dass dem Hund nicht aufging, dass er da einfach drüberspringen kann
Aber schließlich erreichte ich die Innenstadt von Valença. Eine Infotafel besagt, dass die Herberge etwas ab vom Weg und vor allem nicht in der historischen Altstadt liegt. Ich fühle mich durch beides in meiner Entscheidung, ein Hotel zu suchen, bestärkt. Ich laufe durch die Altstadt, bis ich auf ein Gebäude treffe, an dem "Pousada de Valença" steht und nach etwas gastronomischem aussieht. Ich gehe hinein und frage, ob es hier ein Hotel gibt. "Wir SIND ein Hotel" kommt die Antwort vom Rezeptionisten. Sie haben auch noch ein Zimmer, allerdings für 80€. Ich nehme es und gehe hinein. Und es ist zum ersten Mal seit einer Woche still. Kein Straßenlärm, keine Hähne, keine bellenden Hunde, keine Vögel, kein Klacken von Wanderstöcken, keine sich unterhaltenden Pilger, kein "Buen camino" oder "Bom caminho" oder irgendwas. Einfach nur Stille. Und ich finde es etwas unheimlich. Aber nur bis ich entdecke, dass mein Bad eine Badewanne hat. Ich springe sofort rein und sorge dafür, dass einmal der gesamte Dreck von mir runterkommt. Das war nötig, denn ich war so dreckig, dass ich die braunen Flecken danach nicht richtig mit Wasser weggespült bekomme. Ich lege mich auf das Bett und wache erst dreieinhalb Stunden später auf - das frühe Aufstehen forderte seinen Tribut.
Valença ist nicht ganz der Abschied, den ich mir von Portugal gewünscht habe. Die Stadt ist zwar eindeutig hübsch und architektonisch erkennt man hier viel wieder, insbesondere die verkachelten Häuser. Außerdem ist die Altstadt in einer alten Wehranlage aufgebaut, die gut erhalten und gepflegt ist. Aber: es reihen sich ein Ramschladen nach dem anderen. Weil man gemütlich von Spanien aus hierhin schlendern kann, sind sehr viele spanische Tagestouristen in den Straßen, die in dem deutlich ärmeren und damit billigeren Portugal Textilien einkaufen wollen. Und entsprechend hat fast jeder Laden Strandtücher, Badelaken, Bettwäsche und ähnliches im Angebot. Wir Pilger sind Zielgruppe Nummer 2, wo sich aber wieder die Frage stellt, was ich denn hier kaufen soll um es dann bis Fisterra mitzunehmen.
Einer der wenigen Winkel ohne große Badetücher
Ich spaziere etwas herum und esse mir ein Eis - der Eisverkäufer begrüßt mich spontan auf Spanisch. Danach überlege ich kurz, ob ich mir die Wehranlagen näher ansehen soll, die wirklich interessant aussehen und frei begehbar sind.
Und hier ist auch kein Mensch...
Aber ich entschließe mich, lieber für den nächsten Tag auszuruhen.
Valença ist beeindruckend schön und es ist interessant, wie es die Portugiesen schaffen, mit mittelalterlichen Straßen durch mittelalterliche Stadttore modernen Verkehr zu leiten. Aber ich brauche gerade die Ruhe, auch wenn ich jetzt schon den Kontakt zu den anderen Pilgern vermisse.
Zwei Herbergen sind in unmittelbarer Nähe des Hotels, die wohl günstiger gewesen wären. Verdammt. Jetzt wäre ein Reiseführer nützlich gewesen...
Vor dem Schlafen schaue ich den Film "Outlander" auf einem Fernsehkanal, der die Filme im Original mit portugiesischen Untertiteln zeigt. Es geht um einen Außerirdischen, der bei den Wikingern landet und mit ihnen zusammen ein Monster jagt. Der Film ist leicht verdaulich, aber irgendwie relevant, nur dass ich bei der Müdigkeit nicht bemerke, warum. Mir fällt nur, dass das Gebrüll des Monsters wie das eines Minotaurus klingt.

Donnerstag, 29. Juni 2017

Tag 5 - Wer früher stirbt, ist länger tot (Ponte de Lima - Rubiães)

Did you ever think as a hearse goes by, that you may be the next to die?And your eyes fall out, and your teeth decay, And that is the end of a perfect day. 
Hast du je gedacht, während ein Leichenwagen vorbeifährt, dass du der nächste sein könntest, der stirbt? Und deine Augen fallen aus und deine Zähne verrotten und das ist das Ende eines perfekten Tages. 
(The Hearse Song, unbekannter Ursprung)
Die italienischen Fahrradpilger im Stockwerk unter uns machen nach dem Aufwachen einen solchen Lärm, dass auch ich wach werde. Christine, eine Schweizerin, mit der ich mich am Vortag unterhalten hatte, Eleonore, die Belgierin, und ich machen uns fertig. Ich nehme die Sandalen aus dem Schrank mit den Stiefeln, aus einer Laune heraus ziehe ich sie aber nicht sofort an, sondern trete barfuß auf die Straße. Ich werfe einen letzten Blick über den Fluss und die Brücke auf Ponte de Lima und schlendere dann den Weg entlang.

Zu jeder Tageszeit einfach einmalig schön
Einige Pilger haben sich in das benachbarte Café gesetzt, aber ich hatte mir im Laden am Vortag mein Frühstück geholt, also ziehe ich weiter. Der Weg führt zunächst über eine Umleitung und dann über einen Schotterweg, bei dem ich die Sandalen wieder anziehe. Doch direkt danach gibt es eine alte mit Felsbrocken abgesetzte Strecke, wo ich sie sofort wieder ausziehe. Die Felsen fühlen sich wundervoll unter den Sohlen an.

So ging das eine Weile - man beachte die Felsen links
Nachdem der Abschnitt vorüber ist, ziehe ich die Sandalen wieder an, aber das erste Mal barfuß laufen nach dem mühsamen ersten Tag war eine Wohltat.
Ich treffe auf eine Thüringerin, die heute noch bis Tui in Spanien laufen möchte, eine Stadt, die ich erst am übernächsten Tag erreichen möchte. "Zur Not nehme ich ein Taxi," erklärt sie, "ich habe reserviert und muss rechtzeitig da sein." Das ist das Problem mit der Planerei - sie lässt dann auch nicht viel Platz für "einfach laufen und sehen, wie weit man kommt".
Ich treffe auf die Schwedinnen kurz bevor ich mal eben in den Wald gehe. Sie haben bei dem Lärm vom Musikfestival auch nicht schlafen können. Sie hatten kein Hotel bekommen, sondern sind bei einer Privatfamilie untergekommen - ähnlich wie ich in der ersten Nacht.
Ich laufe alleine weiter und treffe auf ein Schild - ein Café wirbt mit Frühstück. Vollkommen überraschend genieße ich das erste Mal seit ich in Portugal bin ein echtes Frühstück mit Spiegeleiern und Speck, einem Brötchen, O-Saft und einem Tee. Gesättigt und zufrieden laufe ich los, als gerade ein portugiesischer Pilger ebenfalls in das Café geht. Später überholt der mich. Ich spreche ihn an und sage auf Portugiesisch: "War das nicht ein fantastisches Frühstück?" Er antwortet: "Ich habe nur einen Kaffee getrunken." Perlen vor die...
Anfangs führen die Pfeile über Feldwege, dann geht es aber in den Wald. In der Nähe eines Steinhaufens treffe ich Sabine und Thomas wieder. Sie erzählen mir, dass sie nach dem Gipfel mit dem Bus abkürzen müssen - sie haben sonst nicht genug Zeit, um Santiago zu erreichen.
Im Steinhaufen sind viele Steine mit kleinen Botschaften und einem Vermerk, wer das geschrieben hat und von wo er ist. Ich schreibe auch etwas und lege es dazu.

Mein Name, mein Wohnort, das Datum und: "Guten Weg!" auf Portugiesisch
Ich mag diese Steinhaufen - auch wenn einige es als Müllhalde für ihre Visitenkarten missbrauchen.
Es geht immer steiler bergan auf einer alten, römischen Straße. Rechts rauscht ein Fluss Richtung Tal. Immer mal wieder öffnet sich der Weg in eine kleine Ortschaft, nur um einem atemberaubende Aussichten in die Berge hinein zu geben.

Einziger Wehmutstropfen: portugiesische Kirchtürme sehen alle gleich aus - wer es nicht glaubt, einmal reinzoomen

Nach einer Weile ist der Weg nicht einmal mehr ein Schotterweg durch den Wald, sondern besteht nur noch aus Geröll. Der Anstieg ist echt schwierig und ich muss sehr vorsichtig sein, nicht wegzurutschen. Ich erreiche ein Kreuz, an dem viele Steine niedergelegt sind.
Diesmal mit Bild
Ich gehe fälschlicherweise davon aus, dass es sich um das Cruz dos Mortos, dem Kreuz der Toten handelt. Tatsächlich liegen hier auch viele Steine, in denen offensichtlich Menschen gedacht wird, viele Steine sind aber immer noch allgemeine Grüße oder Sinnsprüche.
In der Antike gab es viele Rituale für die Reinigung oder für spirituelle Sinnsuche. Die meisten hatten mit sogenannten Mysterienspielen zu tun, das war eine Mischung aus Theater und magischem Ritual. Der Sinn lag darin, einen symbolischen Tod und eine symbolische Wiedergeburt zu erzeugen. Durch eine besondere spirituelle Erfahrung sollte das alte Ich merklich aufhören zu existieren - um einem neuen Ich, einem geläuterten oder weiserem Ich Platz zu machen, das in demselben Moment geboren wird. Das nennt man auch heute noch Katharsis und es ist genau das, was eigentlich jeder, der wie ich aus spirituellen Gründen pilgert, möchte. Der Tod von einem alten Ich. Der Weg in das Labyrinth um auf den Minotaurus zu treffen, das Ungeheuer, das für unsere animalische Seite steht, unsere Seite, die nur reagiert, nicht reflektiert ist, nicht aus Weisheit sondern aus einfachen Emotionen heraus handelt, die in Ängsten gefangen ist. Dieser Mythos ist griechisch-römisch, aber ähnliche Legenden finden sich in allen möglichen Kulturen. Beowulf und Grendel. Siegfried und der Drache. Thor und die Eisriesen.
Der Held sucht das Ungetüm auf und erschlägt es. Und durch das Erschlagen macht er in sich Platz für ein neues Ich, das sanfter, stärker, mutiger und weiser ist.
Entgegen der weitverbreiteten Meinung ist "Labyrinth" kein Synonym für "Irrgarten". Ein Labyrinth sieht auf dem ersten Blick ähnlich aus, hat aber einen entscheidenden Unterschied: egal wie verworren das Labyrinth ist, es gibt nur einen Weg. Man kann sich in einem Labyrinth nicht verlaufen. Der Weg ist klar - genauso wie auf dem Jakobsweg. Man muss ihm nur folgen. Wer mir das nicht glaubt, der soll einfach mal Bilder vom Labyrinth von Chartres ansehen, das in der dortigen Kathedrale zu finden ist. Viele Menschen gehen da hin um dieses abzulaufen - es ist aber nur ein einziger Weg ohne Abzweigungen. Man kann ihn nur rein oder raus laufen.
Habe ich schon meinen Minotaurus gefunden? Habe ich schon eine Ahnung, was mein Monster ist?
Nein. Aber ich habe schon den Eindruck, dass mich der Weg verändert hat. Ich denke viel darüber nach, was man eigentlich so im Rucksack mit sich herumschleppt und was nicht. Was ist nötig und was ist nützlich? Und was bedeutet diese Erkenntnis für mich?
Die Erkenntnis, dass Dinge, die nützlich sind, nicht automatisch auch notwendig sind, ist eigentlich einfach, fast banal. Aber irgendwie merke ich, dass sie für mich noch eine tiefere Bedeutung hat. Dass da etwas ist, was ich noch nicht ganz gesehen habe, etwas tiefergehendes. Etwas, was am Rand tönt. Wie das Gebrüll eines Minotaurus'.
Ich hebe einen Stein auf, schreibe eine Botschaft darauf und lege ihn auf den Steinhaufen. Dann ziehe ich weiter.

Hey, ich habe nicht behauptet, dass das eine neue Erkenntnis ist
Der Gipfel entschädigt einen für den mühsamen Aufstieg mit einer spektakulären Aussicht. Sabine und Thomas, Christine und Nicholas, die Amerikaner und ich genießen die kurze Pause auf dem Pass. Ein Schild versprach zwar frisches Trinkwasser, den Hahn finden wir aber leider sehr spät - und er ist auch kaputt. Aber das ist gerade nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es von hier aus nur noch bergab geht. Die schwierigste Strecke des Weges liegt hinter uns.

Ich habe auch Fotos der Geröllstrecke, die sind aber nichts für schwache Nerven
Ich treffe am Gipfel auch auf Klaus, einem anderen Pilger aus Magdeburg, mit dem ich zusammen den Abstieg mache. Der Weg ist schwierig, aber im Vergleich zu dem Aufstieg kinderleicht. Unterwegs treffen wir dann auch auf das richtige Cruz dos Mortos. Dass es das richtige Kreuz der Toten ist, ist sofort offensichtlich, denn die Mauer am Kreuz ist übersät mit Bildern von Menschen und deren Todesdaten und Steinen, auf die man Namen und Jahreszahlen aufgebracht hat.

Einmal drauf klicken - man sieht es recht gut
Hier geht es um den echten Tod. Nicht den symbolischen. Sondern den Tod eines geliebten Menschen, der nun nicht mehr mit einem durch das Leben geht. Einige Steine deuten an, dass es sich bei dem jeweiligen Verstorbenen um einen Pilger handelte. Ein Stein hält einen Zettel. Bei näherem Hinsehen ist es ein Terminzettel von einem Arzt. Es stehen dort drei Termine pro Woche über einen Zeitraum von drei Monaten, der Zettel ist voll. Vermutlich Chemotherapie - und die Art, wie derjenige an seinen geliebten Menschen erinnern will, berührt mich mit am meisten durch seine ehrliche und harte Schlichtheit.
Immer wieder stehen dort Nachrichten in verschiedenen Sprachen, auch auf Deutsch.
Ich entschließe mich, auch meinen Toten hier zu gedenken und schreibe auf einen Stein den Namen meines Vaters und den von Christian, einem guten Freund von mir, der in demselben Jahr an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb.
"Der Weg ist der große Gleichmacher," habe ich öfters Pilger sagen hören. Denn egal ob arm oder reich, ob berühmt oder unbedeutend, alle Pilger laufen in dieselbe Richtung. Alle laufen wir den Jakobsweg - jeder auf seine Weise versteht sich. Aber dennoch haben wir die gleichen Probleme und das gleiche Ziel.
Ich muss daran denken, dass man im Mittelalter den Tod als den großen Gleichmacher bezeichnet hatte. In der Feudalgesellschaft war das die große, harte Wahrheit: egal ob arm oder reich, berühmt oder unbedeutend - wir werden alle sterben und wir nehmen nichts mit in den Tod. Damals, als man noch an Wundstarrkrampf, Tollwut und Pest starb und man gerne unter Qualen und Schmerzen dahinsiechte und dabei sich immer wieder aufbäumte, nannte man das den Totentanz. Der Schnitter, Gevatter Tod, kommt, um mit dir zu tanzen und du kannst die Aufforderung nicht ablehnen. Egal, ob du König oder Bettler bist. Musik wurde zu diesem Ball komponiert, Gedichte und Gemälde beschreiben das Unvermeidliche, aber in seiner Unvermeidlichkeit auch ehrliche und gütige. Denn egal, wer für dich im Leben da war, der Schnitter ist es am Ende für uns alle. Mal sanft und mal hart. Du kannst es hinauszögern. Du kannst es dir angenehmer gestalten. Aber entkommen kannst du nicht.
Klaus und ich laufen weiter, bis ich auf einen Gebirgsbach treffe. Nach dem ganzen Nachdenken über den Tod trifft mich eine ganz andere, irdische Erkenntnis: meine Füße strotzen vor Dreck und sind müde und hier ist ein frischer, klarer Bach und ich will unbedingt meine Füße da rein halten und sie waschen. Ich lege mir mein Handtuch bereit - Klaus will solange nicht warten und geht weiter, aber ich bereue meine Entscheidung nicht - das Wasser ist unendlich erfrischend und ich kann meine Zehen wieder sehen.
Klaus treffe ich in einem Café wieder, wo auch die Amerikaner sich gerade aufmachen. Ich kaufe einen Snickers, Eis, eine Zitronenlimonade und drei Eistee und kippe alles in mich hinein, bis ich mich wieder klar im Kopf fühle. Danach laufe ich mit Klaus nach Rubiães hinein. Am Wegesrand finde ich wieder hübsche Zeichnungen von... Hunden? Füchsen? Man weiß es nicht. Mir gefallen die Symbole sehr.

Irgendwie haben sie was von Höhlenmalerei...
In der Herberge treffe ich auf die Schwedinnen und Susann, die Dänin. Erstaunt frage ich sie, was sie hier machen, schließlich sagten sie ja, dass sie nicht in Herbergen gehen. Leider wäre hier alles ausgebucht gewesen, meinten sie, also müssten sie wohl oder übel in die Herberge. Nicholas, der Kanadier, ist auch da. Die Herberge hat den Luxus einer Waschmaschine und als ich die verwenden will, scherzt er, dass ich noch sehen muss, ob da Platz ist, da er sieben Paar Socken mit hat und die alle aufgehängt hat. Ich denke mir, ohne es auszusprechen, dass jeder seinen Luxus hat, dessen Gewicht er trägt und unterhalte mich mit den Schwedinnen über meine Gedanken zu "unnötig" und "nützlich". Wichtig ist natürlich: jeder hat seine eigenen Definitionen. Nur ich kann sagen, was für mich nötig und was für mich unnötig ist.
Wir gehen zusammen mit Klaus essen in einem Restaurant, das nicht weit entfernt ist, in der Nähe einer anderen Herberge, in der wir Sarah und die Amerikaner finden. Im Restaurant treffen wir auch Joost und Nanette. Als wir fertig gegessen haben und uns auch den Nachtisch gegönnt haben, kommt Eleonore, die Belgierin, und fragt auf Französisch, ob das Essen gut sei. Ich sage ja und erkläre ihr, was es gibt. Der Kellnerin gefällt das sehr und als ich nach den Desserts gefragt werde, souffliert sie mir auf Portugiesisch und ich versuche so gut es geht auf Französisch zu übersetzen.
Zurück in der Herberge schauen wir gebannt zu, wie ein portugiesischer Arzt Susann verarztet. Diese hat stolze sieben Blasen, die sie plagen. Einige drücken dabei auf sehr empfindliche Stellen. Der Arzt legt mit Nadel und Faden Drainagen und quiekt immer mal wieder vergnügt auf Englisch: "Oh... DAS wird jetzt weh tun." Ich lenke Susann so gut es geht damit ab, dass ich sie über dänische Fernsehsendungen ausfrage.
Das Schuhwerk ist natürlich eine Sache des eigenen Wegs. Ich bin bislang der einzige Pilger, den ich gesehen habe, der in Sandalen unterwegs ist. Einige tragen Turnschuhe, die meisten tragen Wanderschuhe. Viele verwenden dabei noch zusätzlich Wanderstöcke, mit denen sie in einem bestimmten Takt klicken. Aber irgendwie hat fast jeder bereits mit größeren Problemen zu kämpfen gehabt. Ich hatte in den ersten drei Tagen einen leichten Muskelkater im Spann in beiden Füßen und eine kleinere Blase, die ich in Ponte de Lima verarztet hatte. Außer diesen beiden Sachen ging es mir gut, auch, wenn ich genau wie alle anderen Pilger abends dann nicht mehr ordentlich gehen konnte und mehr watschelte als lief. Aber ja. "Hoffentlich bleibt das so!" denke ich und schlafe ein.

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Anhang

Wer das elent bawen wel,  der heb sich auf und sei mein gesel  wol auf sant Jacobs straßen!  Zwei par schuoch der darf er wol  ein schüßel...